Fachschaft
Ich bin fertig mit meinem Vortrag, die paar Zuhörer klatschen begeistert, aber die rothaarige Trainerin schaut skeptisch, während sie auf ihren Brillenbügel beißt. Ich bin mal wieder mehr oder weniger unfreiwillig auf einem Rhetorikkurs, diesmal speziell zum Thema Bühnenpräsenz. Unfreiwillig, weil ich für meine Seminararbeit noch Praxisstunden vorweisen muss und da der angebotenene Bühnenpräsenzkurs extrem günstig ist und gleich mal sechs Stunden vollmacht, bin ich hier.
Die ganzen anderen Teilnehmer hier, haben im Gegensatz zu mir, natürlich die Info am Schwarzen Brett, man müsse einen 20 Minuten Vortrag mitbringen, gesehen und präsentieren ein buntes Potpourri an Referaten der letzten 10 Schuljahre.
Da ich also nichts dabei habe und die liebe Trainerin mir meinen Stundenzettel nicht unterschreibt, wenn ich nicht mitmache muss ich improvisieren. Mein Vorteil ist aber, dass ich ziemlich regelmäßig Vorträge halte.
Über eine Onlineplattform zum Thema flirten und verführen, auf der ich mich engagiere, wurde ich jahrelang in alle möglichen deutschen Städte eingeladen, um vor bis zu hundert Leuten zu sprechen. Ich erklärte den Leuten zwar möglichst sachlich, aber mit dem nötigen Pepp meine Ansichten zum Thema Flirten, wurde immer öfter eingeladen und es kamen immer mehr Menschen um mich zu hören. Ich habe also schon eine Art Vorträge zu gestalten und da es den Leuten anscheinend gefallen hat, kann die wohl nicht so schlecht sein.
Während die anderen Teilnehmer also ihre Referate halten, bin ich damit beschäftigt mir etwas aus dem Ärmel zu schütteln. Meine sonstigen Vorträge möchte ich hier nicht bringen, weil Themen wie „Vom Date ins Bett“ oder „Aus einer Freundschaft mehr machen“ wohl nicht so sonderlich in diesen Rahmen passen. Also entscheide ich mich für ein Thema über das ich genug Informationen im Kopf habe, welches auch etwas zum ganzen Kurs passt und das vor allem das Publikum interessieren könnte, nämlich Neurolinguistische Programmierung. Neurolinguistische Programmierung ist ein System, welches sich auf fast schon wissenschaftliche Art mit Kommunikation, Rhetorik, Manipulation und vielen anderen Themen auf möglichst praxisorientierte Weise beschäftigt. Ich erkläre also kurz den Begriff, gehe auf die Verwendungsmethoden ein und verdeutliche es an einem Beispiel.
Da mein Publikum hier aus meinen 20 jährigen Mitschülern besteht, versuche ich den Vortrag möglichst locker zu gestalten. Ich nehme ein Beispiel, welches die Zuhörer aus ihrem Alltag kennen, lehne mich bei den Stellen die ich etwas auflockern will lässig am Pult an und versuche die richtige Mischung aus sympathischen Lächeln und Kompetenz zu vermitteln zu erreichen. Als ich fertig bin, bekomme ich heftigen Beifall und die Kritiken aus dem Publikum fallen allesamt sehr gut aus.
Dann kommt die Trainerin mit ihrem Feedback. Zu unsachliche Ausstrahlung, nicht am Pult anlehnen und ein nicht repräsentatives Beispiel ist ihr Urteil. Alles in allem eine schwache Vorstellung.
Warum zum Teufel ist alles, was funktioniert, aber gegen die klassische Variante geht schlecht? Ich hab meinen Vortrag dem Publikum angepasst, denen hat es anscheint gefallen und wie ich später noch von einigen erfahren haben, konnten sie auch was mitnehmen. Wenn ich Flirt-Vorträge halte, ist meine Art der Präsentation eine ähnliche. Die Leuten dort, die in der Regel zu 90% aus Studenten oder Akademikern bestehen, hoch intelligent und kritisch sind, gefällt es auch und nach deren Feedback lernen sie bei mir auch immer was.
Nicht nur bei Vorträgen auch beim Thema Manipulation oder Verkaufsgespräche muss ich immer wieder das selbe erleben. Ich bin erfolgreich, werde aber für meine unorthodoxen Methoden von der Fachschaft zerrissen.
Sollten alle diese Kommunikationsbereiche nicht zielorientiert angegangen werden? Wenn ich die gesetzten Ziele erreiche, ist es doch egal, ob ich den bewährten, aber ausgetrampelten Weg gegangen bi,n oder auch mal den Mut und die Kreativität habe einen unerforschten, aber vielleicht besseren Weg zu gehen.
Während ich mich wieder auf meinen Platz setze, frage ich mich, ob man Eckart von Hirschhausen auch mal gesagt hat, er wäre zu unsachlich bei seinen Vorträgen oder ob Helmut Schmidt auch mal für seine Art der Diskussion zerrissen wurde. Leider bin ich weder der eine noch der andere.
Gruß Monkey
Veröffentlicht am 3. November 2010 unter Allgemein.
Kommentare
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3. November 2010 at 12:50
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Comment from Hannes
3. November 2010 at 14:41
Ja, so kann das gehen. Ist mir auch schon öfters passiert.
Musst dir halt die Frage stellen was dir wichtiger ist. Ein guter Schein oder ein angesprochenes Publikum.
Die Antwort dürfte ja wohl nicht so schwer fallen.
Ich finde gerade die spitzenredner haben ihre macken. wirken so weniger steif, authentischer.
nimm dir das alles nicht so zu herz, sondern freu dich über deinen applaus!
Comment from itsmagic
9. November 2010 at 14:11
Lobeshymnen auf deine Vortragskunst. Was mir fehlt ist eine Reflexion des Feedbacks statt reinem Abwehrverhalten.
Comment from Der schöne Stephan
9. November 2010 at 22:29
True True!! Ich glaube viele Leute haben eine Art oder Vorgehensweise gelernt und bewerten dann alles genau danach. Sie gucken nicht wie das Ergebnis ist, sondern nur, hat er Schritt 1 genau nach Lehrbuch gemacht oder nicht.
Also: Für mehr Ergebnisorientierung und Flexibilität. Schöner Beitrag.
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3. November 2010 at 12:49
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